Ansprache zur Kranzniederlegung an der Erinnerungstafel für die Jüdische Gemeinde Nienburg

 

Freitag, 27. Januar 2012, 19 Uhr

Wir sind zusammengekommen zur alljährlichen Erinnerung an den Holocaust und die Befreiung von Auschwitz. Ich setze einen Dank an den Anfang meiner Worte. Dank an den Rat der Stadt Nienburg für seinen einstimmigen Beschluss, das dauerhafte Gedenken an die Nienburger Opfer der NS-Verfolgung zu unterstützen. Nicht nur mit dem Vorhaben, einzelne Stolpersteine zu setzen, sondern auch mit der Namensnennung aller Opfer an zentraler Stelle und der Dokumentation der Schicksale in einem offenen Archiv. Dank auch an Bürgermeister Henning Onkes für seine verlässliche Unterstützung unserer Arbeit.

Die Erinnerung kann schmerzen. Sie ist kein wohlfeiler Weg, sich von historischer Schuld zu entlasten. Sie ist schwer, ebenso schwer wie die nicht enden wollende Trauerarbeit der Nachkommen der Opfer von Porrajmos und Shoa. Und wir können nicht auf sie verzichten. Nicht nur den Opfern schulden wir es. Wir schulden es ebenso ihren Angehörigen und Nachkommen. Aber die Erinnerung ist auch für unsere Gesellschaft selbst unverzichtbar. Die demokratische Zukunft unseres Gemeinwesens hängt von seiner Fähigkeit ab, sich der bedrückenden Wahrheit der Untaten von damals zu stellen und sie zu integrieren.

Dieser Prozess würde den Deutschen leichter fallen, wenn sie in unbeirrbarer Beharrlichkeit und tief verankerter Überzeugung der Demokratie verpflichtet wären. Leider ist das nicht so. Ein kleiner politischer Windstoß genügt, eine wirtschaftliche Krise, ein wenig gesellschaftliche Unordnung, und schon hört man den Ruf nach dem Einen, der alles richtet. Tag für Tag konfrontieren uns in diesem Land aufs Neue Nationalismus, Rassismus und Menschenverachtung. Tag für Tag ist politische Wachsamkeit gefordert, um den damit verbundenen Gefahren zu begegnen.

Aufklärung über den Holocaust bleibt deshalb Pflicht. Wir wissen nicht, ob wir damit eine Wiederholung jener grauenhaften Ereignisse verhindern können. Doch es ist das einzige Mittel, die Widerstandsfähigkeit gegen den Rechtsextremismus zu stärken. Was hoffen lässt, ist das Engagement vieler junger Menschen. Sie wollen wissen, was geschehen ist. In der nächsten Woche werden einige von ihnen das Forum des Gedenkens hier im Nienburger Rathaus gestalten. Sie wollen nicht nur passiv gedenken, sie wollen etwas tun. Sie erforschen die Hintergründe rechter Gewalt, sie fahren nach Auschwitz und suchen ihre toten Nachbarn, sie recherchieren das Schicksal eines kleinen Sinto, der aus ihrem Viertel, ihrem Ort verschleppt wurde, sie gehen hinaus und putzen Stolpersteine blank. „Wir verneigen uns damit vor denen, die gelitten haben“, sagen sie dabei. Sie haben die Aufgaben des Bewusstmachens, der Vorbeugung, des Verhinderns zu ihren eigenen gemacht. Die Jugendlichen wollen diese Aufgaben mit ihrem Handeln erfüllen, weil die Verbrechen die an Ihresgleichen begangen wurden, sie abstoßen und mit Verachtung für die Täter erfüllen. Aber auch, weil ihr Gerechtigkeitssinn ihnen sagt, dass diese Gesellschaft friedlich und inklusiv sein sollte und nicht hasserfüllt, gewalttätig und ausgrenzend. Sie sind sich dessen übrigens auch dann bewusst, wenn sie sich selbst manchmal des Hasses, der Gewalt und der Ausgrenzung schuldig machen. Und sie wissen auch, dass mit dem Ende des Nationalsozialismus die Gefährdung durch Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Herrenmenschentum nicht für immer beseitigt wurden.

Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz befreit. Auschwitz und die gesamte Terrormaschinerie des NS-Staates hätte es nicht gegeben, wenn nicht das deutsche Volk die NSDAP, die am 30. Januar 1933 die Regierungsgewalt übernahm, zur stärksten Fraktion im Reichstag gewählt hätte. Auschwitz ist nicht ohne den 30. Januar 1933 erklärbar. Durch den Wählerwillen der Mehrheit der Deutschen erst kam das System an die Macht, das zwölf Jahre später einen großen Teil Europas in Trümmern gelegt und weltweit über 50 Millionen Tote auf das Gewissen der deutschen Nation geladen hatte. Und dabei war diese Nation nicht willenlos ein paar verbrecherischen Führern ausgeliefert, sondern sie war Mittäterin.

Wir erinnern nicht nur an die 6 Millionen ermordeter Juden. Wir erinnern auch an die verschleppten, sterilisierten und getöteten Sinti und Roma, an die weggenommenen und missbrauchten Kinder, an Zeugen Jehovas, an Behinderte, die der Euthanasie zum Opfer fielen, an verfolgte Homosexuelle und Lesben, an Millionen gefallener Soldaten, an die getöteten Menschen in den Städten, die unter den Bomben zu Asche zerfielen, an gefolterte, vergewaltigte und durch Hunger und Zwangsarbeit ermordete Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, an politische Gefangene.

Deutschland am 27. Januar 2012: Die Beobachtung zunehmender rechtsradikaler Gewalt, von uns schon seit längerer Zeit beklagt, erfuhr mit der Aufdeckung der Mordserie des “Nationalsozialistischen Untergrundes” (NSU) ihre erschreckende Bestätigung. Wer hätte sich am 8. Mai 1945 vorstellen können, dass in Deutschland einmal wieder Parteien und Organisationen auftreten würden, die Judenhass, Euthanasie, Kriegstreiberei und Gewalt gegen Andersdenkende auf ihre Fahnen schreiben und die nationalsozialistischen Verbrechen leugnen, verharmlosen oder gar verherrlichen? Und die ihre Aufmärsche, wie in Bad Nenndorf geschehen, unter dem Deckmantel von Freiheitsrechten einer Verfassung beanspruchen, die gerade sie abschaffen wollen.

67 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz muss die deutsche Öffentlichkeit erfahren, dass wieder Nationalsozialisten in unserem Land gemordet haben. Was ist „Neo“ an diesen Mördern, die über Jahre hinweg agieren konnten, offenbar unbehelligt oder sogar teilweise unterstützt von Ermittlungsbehörden, die für den Schutz der Demokratie da sind. Das diesjährige Gedenken steht unter dem ernüchternden Vorzeichen der Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrundes“, deren Aufdeckung so bestürzend lange gedauert hat.

Heißt das Schweigen der Vielen Zustimmung? Ist Wegschauen gleichbedeutend mit Billigung, während rassistische Verbrechen, antisemitische Parolen, rechte Gewalt auf den Straßen und vor den Diskos den Alltag Deutschlands kennzeichnen? Während Nazi-Aufmärsche mit höchstrichterlichem Persilschein und unter dem Schutz der staatlichen Sicherheitsorgane abgewickelt werden können. Angesichts dieser Fakten entlarvt sich die Ausflucht „Wir haben nichts gewusst“ zu „Wir wollten nichts wissen“. Deshalb erinnern wir.

Das Erinnern, das aus der geschichtlichen Verantwortung erwächst, hat Gegner, auch in dieser Stadt. Seine schlimmsten Feinde sind nicht die Hakenkreuzschmierer, oder die, die nächtlich ihre Axt gegen eine harmlose Gedenktafel schwingen. Es sind die Schlussstrichmenschen, die das Erinnern fürchten muss, die Insolvenzverwalter der historischen Schuld, diejenigen, denen die Erinnerung lästig ist. Und auch diejenigen, die das Klirren der Fensterscheiben im Nachbarhaus nicht hören wollen und nicht das Poltern der Stiefel auf der Treppe, das Hämmern an der Tür der Andern, morgens um 5, wenn die Roma-Familie nebenan abgeschoben wird.

Zehn Menschen fielen der Mordserie der rechtsradikalen Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ zum Opfer. Was sind schon zehn Menschen gegen 6 Millionen, gegen 50 Millionen gar? Enver Şimşek und Abdurrahim Özüdoğru aus Nürnberg, Süleyman Taşköprü aus Hamburg, Habil Kılıç aus München, Yunus Turgut aus Rostock, Ismail Yaşar aus Nürnberg, Theodoro.  Boulgarides aus München, Mehmet Kubaşık aus Dortmund, Halit Yozgat aus Kassel und Michèle Kiesewetter aus Heilbronn – jeder einzelne dieser Namen ist eine Klage gegen das Land, das diesen Menschen hätte Heimat sein sollen. Gegen dieses Land und seine unverarbeitete Geschichte. Auch dieser zehn Menschen sollten wir heute gedenken. Auch ihr Tod muss uns Verpflichtung sein, die Erinnerung nicht nur auszuhalten, sondern sie als eine der Säulen unserer Demokratie wachzuhalten.

About Thomas Gatter

writer, researcher, archivist, artist, activist, Jew living and working at Bremen, Nienburg, Playa del Inglés, Ruidoso, Lanciano www.thomasgatter.eu View all posts by Thomas Gatter

One response to “Ansprache zur Kranzniederlegung an der Erinnerungstafel für die Jüdische Gemeinde Nienburg

  • Nikolaus Gatter

    Ein kluger und nachdenkenswerter Artikel. – Gewalt, in welcher Form auch immer, verdient keine Toleranz. Der Rechtsextremismus darf niemals die in einer pluralen Gesellschaft nötige und selbstverständliche Duldung unterschiedlicher politischer Positionen ausnutzen dürfen. Extremismus gleich welcher Couleur ist ebenfalls nicht zu tolerieren. Extremismus, auch dort, wo er sich links oder “autonom” oder gar “antifaschistisch” gebärdet, ist keine politische Position, sondern zutiefst unpolitisch. – Demokratie bewährt sich allerdings dort, wo es weh tut, nämlich rational artikulierten Positionen des politischen Gegners gegenüber, die nicht zensiert, unterdrückt oder niedergebrüllt, sondern mit offenem Visier politisch bekämpft werden sollten. Diesen für die Demokratie nötigen und selbstverständlichen Kampf gewaltlos zu führen, ohne selbst zum Extremisten zu werden, ohne auf Zensur, Einschüchterung, Verbote oder auch nur auf Sprache und Ausdrucksformen des NS-Faschismus zurückzugreifen, dies bleibt die eigentliche und schwerste Aufgabe.

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