Tag Archives: auschwitz

Elie Wiesel, d. 2 July, 2016

Elie_Wiesel_2012_Shankbone

A fearless fighter for truth has departed. (Photo by David Shankbone,

2012, via Wikimedia Commons)


Der Tag, an dem die Roma Widerstand leisteten

Am 16. Mai sollten alle Rassisten sich vorsehen: es ist der Tag des Roma-Widerstandes, Roma Resistance Day.
Was geschah am 16. Mai 1944? Es war im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort gab es einen besonderen Abschnitt: Auschwitz-Birkenau B II e. Das „Zigeunerlager“ nannten es die Nazis.
Wie die Juden wurden auch die nach Auschwitz deportierten Sinti und Roma nicht alle gleich vergast. Die jüngsten, stärksten und gesündesten von ihnen wurden zur Seite geschickt und im Abschnitt B II e untergebracht. Auch Kinder und Frauen waren dabei, vor allem der KZ-Arzt Mengele, ein sadistischer Geisteskranker, interessierte sich für Kinder, an denen er seine widerwärtigen Experimente vornehmen konnte. Abschnitt B II e war deshalb ein gemischter Lagerbereich, ein so genanntes Familienlager. Dort wurden Männer, Frauen und Kinder zusammen gefangen gehalten. Sie wurden zur Sklavenarbeit gezwungen, gefoltert oder zu perversen, angeblich medizinischen Versuchen missbraucht. Viele von ihnen starben dabei.

29045

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Mai 1944 hatte die SS vor, den Abschnitt B II e zu schließen und die dort noch lebenden Roma und Sinti in den Gaskammern von Birkenau zu ermorden. Im „Zigeunerlager“ lebten damals noch mehr als 6000 Gefangene. Am 16. Mai 1944 sollte das Lager „liquidiert“ werden, so nannten die Nazis die Schließung von Lagern und Ghettos und die Ermordung der Insassen.

Aber es gab in Auschwitz eine heimlich arbeitende Widerstandsgruppe. Sie erfuhr von den Plänen der SS und informierte am 15. Mai die Gefangenen von B II e darüber, was die Lagerleitung vorhatte. Aufgrund dieser Warnung verabredeten die Häftlinge über Nacht, sich am nächsten Tag gegen das Vorgehen der SS zu wehren. Am Morgen des 16. Mai weigerten sich alle, ihre Baracken zum Morgenappell zu verlassen. Sie missachteten die Drohungen der Wachmannschaften und gehorchten ihren Befehlen nicht mehr. Stattdessen verbarrikadierten sie sich in den Hütten. Einige waren in eine Gerätebaracke eingebrochen und hatten sich Werkzeug besorgt, das man als Waffe benutzen konnte: Hämmer, Picken und Spaten. Andere rissen die Kojen auseinander, um sich aus dem Holz Knüppel und Keulen zu machen. Viele der Kinder hatten Steine aufgesucht.

Als die SS in den Lagerabschnitt B II e vorrückte, erwartete sie ein Hagel von Steinen und anderen Gegenständen. Die Sinti und Roma weigerten sich, die schützenden Baracken zu verlassen. Sie wehrten die eindringenden Wachmannschaften ab. Einige erbeuteten Gewehre, mit denen sie auf die SS zu schießen begannen. Alle kämpften um ihr Leben und ihre Würde als Volk.
So etwas hatte es in Auschwitz bis dahin nicht gegeben. Die SS war regelrecht schockiert. Sie hatten keinen Widerstand erwartet. Die Offiziere fürchteten, der Aufstand könnte sich auf andere Teile von Auschwitz und Birkenau ausbreiten. Die SS zog sich zurück. An diesem Tag, dem Tag des Widerstandes, wurden kein Roma und kein Sinto vergast.
Die Nazis bestraften die Sinti und Roma mit dem Entzug der ohnehin kärglichen Nahrung. Am 23. Mai 1944 transportierten sie 1 500 arbeitsfähige Häftlinge ins Stammlager Auschwitz I und von dort die meisten ins KZ Buchenwald. Am 25. Mai 1944 wurden weitere 82 Roma ins KZ Flossenbürg abtransportiert, und 144 Romni ins Frauen-KZ Ravensbrück.
Weniger als 3000 Gefangene blieben im “Familienlager” B II e. Die meisten von ihnen waren Kinder. Am 2. August 1944 in der Nacht und am Morgen des 3. August wurden sie alle in der Gaskammer V von Birkenau ermordet. Diesmal war ihre Gegenwehr erfolglos, sie waren zu wenige und zu schwach. Der 2. August wird deshalb der Gedenktag des Roma-Holocaust genannt. Aber am 16. Mai gedenken wir des Roma Resistance Day, des Tages, an dem Roma und Sinti Widerstand leisteten.

kids-in-wagon1


Let us remember 16 May

16 May is Romani Resistance Day. We, Rom, Sinti, Jews and Gadje/Gojim can make it a meaningful day, if we remember it together. To remember the Shoa/Porajmos may be an impulse to start a healing process leading to a society with less racism. To promote this, I am sharing the following text from Jenny Carol’s blog.

It seems that  genocide denial and racism are communicating vessels. An ethnic group whose genocide is denied continues to be targeted with racism. Conversely, the recognition of genocide can start a healing process in society that can help it overcome racism. The Romani Holocaust, called the “porajmos” (destruction) in Romanes, is a part of history that is not only forgotten today, it is even denied. It should not be.


We do not know much about this aspect of the Holocaust. Some forgotten parts of the Romani Holocaust really deserve commemoration, however. Romani people did not always play the role of passive victims during that era.
What happened on 16 May 1944? In the extermination camp of Auschwitz-Birkenau, section BIIe was called the “Gypsy Camp” (Zigeuner-Lager). Some of the Romani people transported into the hell of Auschwitz by the Nazis were not gassed immediately upon arrival, but were placed in the Zigeuner-Lager. BIIe was a “mixed” camp, which meant children, men and women were imprisoned there together. The Romani prisoners were forced into slave labor, observed and subjected to medical tests, and tortured. Auschwitz-“Doctor” Josef Mengele of the SS, a sadistic psychopath known as the “Angel of Death”, chose Romani individuals, most of them children, to subject them to perverse experiments. During the night of 2 August and the early morning of 3 August 1944, all of the remaining prisoners of the camp, without exception, were murdered in the gas chambers. Because of this well-known part of official history, 2 August is remembered as Romani Holocaust Day. But the Nazis had actually wanted to close BIIe and murder its Romani prisoners in the gas chambers earlier than that, on 16 May 1944. At the time there were more than 6 000 Romani prisoners there.

On 15 May 1944, the underground resistance movement in the camp warned the Roma of what the Nazis were planning. On the morning of 16 May, the Romani prisoners did not show up for the usual morning roll call and ceased cooperating with the SS guards. The Roma barricaded themselves into their shanties. They had broken into an equipment warehouse and armed themselves with hammers, pickaxes and shovels, taking apart the wooden sections of the bunks they slept on to make wooden stakes. The children collected rocks. When the SS guards entered the camp in the late afternoon to take the Roma to the gas chambers, they began to fight for their lives. The Roma fought to the death. Children, men, and women all fought. Auschwitz had never experienced anything like it before and would not experience it again. There were losses on both sides.


The SS were in shock because they had completely failed to anticipate this resistance. Concerned they might lose more men and that the uprising might spread to other parts of Auschwitz, they retreated from camp BIIe. No Roma died in the gas chambers that day. The Nazis subsequently put the prisoners of BIIe on a starvation diet. On 23 May 1944, they moved 1 500 of the strongest Romani prisoners to Auschwitz I, many of whom were then sent to Buchenwald concentration camp. On 25 May 1944, 82 Romani men were transported to the Flossenburg concentration camp and 144 young Romani women were sent to the Ravensbrück concentration camp. Less than 3 000 Romani prisoners remained in the family camp at BIIe, most of them children. On 2 August 1944, the Nazis gassed them all to death in gas chamber V, although the Roma fought back on that dark night as well.

You can find more information about 16 May 1944 and Romani resistance against the Holcoaust May 16 Romani Resistanceon the following websites:

http://2august.eu/the-roma-genocide/16-may-romani-resistence-day/

http://www.romareact.org/


Forum des Gedenkens in Nienburg

Wieder mit großer Beteiligung von Schülerinnen und Schülern fand am 4. Februar das Forum des Gedenkens statt, zu dem der Arbeitskreis Gedenken in den Nienburger Ratssaal eingeladen hatte. Vor dem eigentlichen Forum wurde im Vestibül des Rathauses die Ausstellung Contra Rechtsextremismus eröffnet. Schülerinnen und Schüler der BBS Marienhain in Vechta hatten sie in Zusammenarbeit mit dem Verein „Contra e.V.“ erstellt. „Mit seiner menschenverachtenden Ideologie setzt insbesondere der Rechtsextremismus auch heute noch auf die Überlegenheit der Stärkeren und spricht über Menschen aus anderen Kulturkreisen abwertend und diskriminierend“, kritisieren die Jugendlichen. Sie wollen nach eigener Aussage ihre Standpunkte im Sinne christlicher Nächstenliebe und als Träger von Menschenwürde dagegensetzen, aber auch zur Aufklärung beitragen.

Im anschließenden Forum berichteten Jugendliche aus Projekten und von Gedenkstättenbesuchen. Das Forum stand unter dem Motto Jugend gestaltet Erinnerung. Der Arbeitskreis „Sinti fahren nach Auschwitz“ der Nordertorschule Nienburg bot eine szenische Darstellung der dabei gemachten Erfahrungen. Die Jugendlichen setzten Steine der Erinnerung und interpretierten sie als Metaphern der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ebenso wie Bausteine für die Zukunft.  Schülerinnen und Schüler des Hoyaer Johann-Beckmann-Gymnasiums berichteten über ihre Fahrt nach Bergen-Belsen und die eingehende Auswertung, mit dem sie das Projekt anschließend in der Schule bekannt machten. Die AG für den Frieden von der Kooperativen Gesamtschule Rastede schloss sich mit einem „Denkanstoß“ an, bei dem Auschwitz als prägendes Erlebnis junger Menschen für eine humanistische und politische Sicht ihrer Rolle im Leben verdeutlicht wurde.

Einen ganz anderen Beitrag leisteten Mitglieder der Ruderriege der Albert-Schweitzer-Schule Nienburg, die über ihre Motivation und die Vorbereitung und Durchführung eines besonderen Erinnerungsprojektes erzählten. Im November 2011 tauften die Mädchen und Jungen einen neuen Doppelvierer nach Hermann Abraham, einem jüdischen Schüler des Gymnasiums. Hermann Abraham wurde im Gründungsjahr der Riege erster „Ruderbaas“. Als Einundzwanzigjähriger fiel er im Ersten Weltkrieg in Frankreich.

Den Abschluss bildete ein Bericht aus Adendorf in der Lüneburger Heide, wo Schülerinnen und Schüler der Schule am Katzenberg das Schicksal von Wolfgang Helmut Mirusch erforschten. Der junge Sinto war 1943 im Alter von acht Jahren nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden.

Die Ausstellung “contra Rechtsextremismus” wird im Rathausvestibül noch bis Ende Februar zu den Öffnungszeiten des Rathauses zugänglich sein.


Ansprache zur Kranzniederlegung an der Erinnerungstafel für die Jüdische Gemeinde Nienburg

 

Freitag, 27. Januar 2012, 19 Uhr

Wir sind zusammengekommen zur alljährlichen Erinnerung an den Holocaust und die Befreiung von Auschwitz. Ich setze einen Dank an den Anfang meiner Worte. Dank an den Rat der Stadt Nienburg für seinen einstimmigen Beschluss, das dauerhafte Gedenken an die Nienburger Opfer der NS-Verfolgung zu unterstützen. Nicht nur mit dem Vorhaben, einzelne Stolpersteine zu setzen, sondern auch mit der Namensnennung aller Opfer an zentraler Stelle und der Dokumentation der Schicksale in einem offenen Archiv. Dank auch an Bürgermeister Henning Onkes für seine verlässliche Unterstützung unserer Arbeit.

Die Erinnerung kann schmerzen. Sie ist kein wohlfeiler Weg, sich von historischer Schuld zu entlasten. Sie ist schwer, ebenso schwer wie die nicht enden wollende Trauerarbeit der Nachkommen der Opfer von Porrajmos und Shoa. Und wir können nicht auf sie verzichten. Nicht nur den Opfern schulden wir es. Wir schulden es ebenso ihren Angehörigen und Nachkommen. Aber die Erinnerung ist auch für unsere Gesellschaft selbst unverzichtbar. Die demokratische Zukunft unseres Gemeinwesens hängt von seiner Fähigkeit ab, sich der bedrückenden Wahrheit der Untaten von damals zu stellen und sie zu integrieren.

Dieser Prozess würde den Deutschen leichter fallen, wenn sie in unbeirrbarer Beharrlichkeit und tief verankerter Überzeugung der Demokratie verpflichtet wären. Leider ist das nicht so. Ein kleiner politischer Windstoß genügt, eine wirtschaftliche Krise, ein wenig gesellschaftliche Unordnung, und schon hört man den Ruf nach dem Einen, der alles richtet. Tag für Tag konfrontieren uns in diesem Land aufs Neue Nationalismus, Rassismus und Menschenverachtung. Tag für Tag ist politische Wachsamkeit gefordert, um den damit verbundenen Gefahren zu begegnen.

Aufklärung über den Holocaust bleibt deshalb Pflicht. Wir wissen nicht, ob wir damit eine Wiederholung jener grauenhaften Ereignisse verhindern können. Doch es ist das einzige Mittel, die Widerstandsfähigkeit gegen den Rechtsextremismus zu stärken. Was hoffen lässt, ist das Engagement vieler junger Menschen. Sie wollen wissen, was geschehen ist. In der nächsten Woche werden einige von ihnen das Forum des Gedenkens hier im Nienburger Rathaus gestalten. Sie wollen nicht nur passiv gedenken, sie wollen etwas tun. Sie erforschen die Hintergründe rechter Gewalt, sie fahren nach Auschwitz und suchen ihre toten Nachbarn, sie recherchieren das Schicksal eines kleinen Sinto, der aus ihrem Viertel, ihrem Ort verschleppt wurde, sie gehen hinaus und putzen Stolpersteine blank. „Wir verneigen uns damit vor denen, die gelitten haben“, sagen sie dabei. Sie haben die Aufgaben des Bewusstmachens, der Vorbeugung, des Verhinderns zu ihren eigenen gemacht. Die Jugendlichen wollen diese Aufgaben mit ihrem Handeln erfüllen, weil die Verbrechen die an Ihresgleichen begangen wurden, sie abstoßen und mit Verachtung für die Täter erfüllen. Aber auch, weil ihr Gerechtigkeitssinn ihnen sagt, dass diese Gesellschaft friedlich und inklusiv sein sollte und nicht hasserfüllt, gewalttätig und ausgrenzend. Sie sind sich dessen übrigens auch dann bewusst, wenn sie sich selbst manchmal des Hasses, der Gewalt und der Ausgrenzung schuldig machen. Und sie wissen auch, dass mit dem Ende des Nationalsozialismus die Gefährdung durch Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Herrenmenschentum nicht für immer beseitigt wurden.

Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz befreit. Auschwitz und die gesamte Terrormaschinerie des NS-Staates hätte es nicht gegeben, wenn nicht das deutsche Volk die NSDAP, die am 30. Januar 1933 die Regierungsgewalt übernahm, zur stärksten Fraktion im Reichstag gewählt hätte. Auschwitz ist nicht ohne den 30. Januar 1933 erklärbar. Durch den Wählerwillen der Mehrheit der Deutschen erst kam das System an die Macht, das zwölf Jahre später einen großen Teil Europas in Trümmern gelegt und weltweit über 50 Millionen Tote auf das Gewissen der deutschen Nation geladen hatte. Und dabei war diese Nation nicht willenlos ein paar verbrecherischen Führern ausgeliefert, sondern sie war Mittäterin.

Wir erinnern nicht nur an die 6 Millionen ermordeter Juden. Wir erinnern auch an die verschleppten, sterilisierten und getöteten Sinti und Roma, an die weggenommenen und missbrauchten Kinder, an Zeugen Jehovas, an Behinderte, die der Euthanasie zum Opfer fielen, an verfolgte Homosexuelle und Lesben, an Millionen gefallener Soldaten, an die getöteten Menschen in den Städten, die unter den Bomben zu Asche zerfielen, an gefolterte, vergewaltigte und durch Hunger und Zwangsarbeit ermordete Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, an politische Gefangene.

Deutschland am 27. Januar 2012: Die Beobachtung zunehmender rechtsradikaler Gewalt, von uns schon seit längerer Zeit beklagt, erfuhr mit der Aufdeckung der Mordserie des “Nationalsozialistischen Untergrundes” (NSU) ihre erschreckende Bestätigung. Wer hätte sich am 8. Mai 1945 vorstellen können, dass in Deutschland einmal wieder Parteien und Organisationen auftreten würden, die Judenhass, Euthanasie, Kriegstreiberei und Gewalt gegen Andersdenkende auf ihre Fahnen schreiben und die nationalsozialistischen Verbrechen leugnen, verharmlosen oder gar verherrlichen? Und die ihre Aufmärsche, wie in Bad Nenndorf geschehen, unter dem Deckmantel von Freiheitsrechten einer Verfassung beanspruchen, die gerade sie abschaffen wollen.

67 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz muss die deutsche Öffentlichkeit erfahren, dass wieder Nationalsozialisten in unserem Land gemordet haben. Was ist „Neo“ an diesen Mördern, die über Jahre hinweg agieren konnten, offenbar unbehelligt oder sogar teilweise unterstützt von Ermittlungsbehörden, die für den Schutz der Demokratie da sind. Das diesjährige Gedenken steht unter dem ernüchternden Vorzeichen der Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrundes“, deren Aufdeckung so bestürzend lange gedauert hat.

Heißt das Schweigen der Vielen Zustimmung? Ist Wegschauen gleichbedeutend mit Billigung, während rassistische Verbrechen, antisemitische Parolen, rechte Gewalt auf den Straßen und vor den Diskos den Alltag Deutschlands kennzeichnen? Während Nazi-Aufmärsche mit höchstrichterlichem Persilschein und unter dem Schutz der staatlichen Sicherheitsorgane abgewickelt werden können. Angesichts dieser Fakten entlarvt sich die Ausflucht „Wir haben nichts gewusst“ zu „Wir wollten nichts wissen“. Deshalb erinnern wir.

Das Erinnern, das aus der geschichtlichen Verantwortung erwächst, hat Gegner, auch in dieser Stadt. Seine schlimmsten Feinde sind nicht die Hakenkreuzschmierer, oder die, die nächtlich ihre Axt gegen eine harmlose Gedenktafel schwingen. Es sind die Schlussstrichmenschen, die das Erinnern fürchten muss, die Insolvenzverwalter der historischen Schuld, diejenigen, denen die Erinnerung lästig ist. Und auch diejenigen, die das Klirren der Fensterscheiben im Nachbarhaus nicht hören wollen und nicht das Poltern der Stiefel auf der Treppe, das Hämmern an der Tür der Andern, morgens um 5, wenn die Roma-Familie nebenan abgeschoben wird.

Zehn Menschen fielen der Mordserie der rechtsradikalen Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ zum Opfer. Was sind schon zehn Menschen gegen 6 Millionen, gegen 50 Millionen gar? Enver Şimşek und Abdurrahim Özüdoğru aus Nürnberg, Süleyman Taşköprü aus Hamburg, Habil Kılıç aus München, Yunus Turgut aus Rostock, Ismail Yaşar aus Nürnberg, Theodoro.  Boulgarides aus München, Mehmet Kubaşık aus Dortmund, Halit Yozgat aus Kassel und Michèle Kiesewetter aus Heilbronn – jeder einzelne dieser Namen ist eine Klage gegen das Land, das diesen Menschen hätte Heimat sein sollen. Gegen dieses Land und seine unverarbeitete Geschichte. Auch dieser zehn Menschen sollten wir heute gedenken. Auch ihr Tod muss uns Verpflichtung sein, die Erinnerung nicht nur auszuhalten, sondern sie als eine der Säulen unserer Demokratie wachzuhalten.


„Gedenken an Opfer der NS-Verbrechen und Kampf gegen Rechtsextremismus gehören zusammen!“

Arbeitskreis Gedenken und Partnerorganisationen begehen Internationalen Holocaust-Gedenktag

Mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen begeht der Nienburger Arbeitskreis Gedenken den Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. Da sich mehrere dem Gedenkprogramm angeschlossen haben, spricht es in diesem Jahr ein breites Spektrum von Themen an. Es beginnt am 23. Januar um 20 Uhr mit dem Kommunalen Kino, das im Kulturwerk an der Mindener Landstraße den Film Im Himmel unter der Erde von Britta Wauer präsentiert, eine gefühlvolle Dokumentation über den jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee. Die Vorstellung steht im Zusammenhang mit einer Exkursion nach Berlin-Weißensee am 18. März dieses Jahres. Da noch wenige Plätze verfügbar sind, sollten sich Interessierte unverzüglich im Kulturwerk melden (Tel. 05021 911666).

Am 27. Januar um 15 Uhr findet wie jedes Jahr eine Andacht auf dem jüdischen Friedhof statt, gestaltet von Superintendent Martin Lechler und Jugendlichen der Kirchengemeinde St. Martin. Um 19 Uhr schließt sich daran eine Gedenkfeier an der Erinnerungstafel für die jüdische Gemeinde Nienburgs am Rathaus an. Bei beiden Veranstaltungen, zu denen Bürgerinnen und Bürger herzlich eingeladen sind, werden die Stadt Nienburg und der Arbeitskreis Gedenken im Namen aller Veranstalter Kränze niederlegen.

Zum diesjährigen Forum des Gedenkens für Jugendliche und pädagogisch Engagierte lädt die Stadt Nienburg am 4. Februar um 09:30 Uhr ins Rathaus ein. Nach der Eröffnung einer Ausstellung im Vestibül berichten im Ratssaal Schülerinnen und Schüler unter dem Motto „Jugend gestaltet Erinnerung“ über ihre Erfahrungen bei Reisen nach Auschwitz und Bergen-Belsen, über Stolpersteinprojekte und Nachforschungen über das Schicksal deportierter jugendlicher Sinti. Zu diesem Veranstaltungsteil werden Jugendliche aus Schulen in Nienburg, Vechta, Hoya, Adendorf (Lüneburger Heide) und von der AG für Frieden Rastede erwartet. Der Arbeitskreis Gedenken zeigt dazu seine Präsentation „Orte des Todes“, bei denen auch Nienburger Tatorte der NS-Verbrechen eine Rolle spielen.

Die Ausstellung im Vestibül trägt den Titel „Contra Rechtsextremismus“ und wurde von Schülerinnen und Schülern der BBS Marienhain erarbeitet. Das Weser-Aller Bündnis Engagiert für Demokratie und Zivilcourage bietet zu der Ausstellung Führungen an (Anmeldung unter 04231-676222 oder info@wabe-info.de).  Ebenfalls im Rathaus veranstaltet das Bündnis die Fortbildung „Kitas, Schulen und Jugendtreffs im Fokus der rechten Szene“. Das Seminar findet am 8. Februar von 10 bis 13 Uhr im Witebsk-Zimmer statt und wendet sich vor allem an Pädagoginnen und Pädagogen. Für diese Veranstaltung erbittet WABE verbindliche Anmeldung unter den genannten Kontaktdaten.

Die Kirchengemeinde Landesbergen beteiligt sich an dem Gedenkprogramm mit einem Auschwitz-Informationsabend mit Hugo Höllenreiner am 10. Februar um 20 Uhr im Gemeindesaal. Gast und Referent an diesem Abend wird der siebenundsiebzigjährige Sinto Hugo Höllenreiner aus Ingolstadt sein, der als Kind nach Auschwitz verschleppt wurde und die Schreckenszeit dort überlebt hat.


%d bloggers like this: